Wie unsere Ahnen unsere Resilienz stärken – zum Jahreswechsel
Manche Geschichten begleiten uns ein Leben lang. Nicht, weil sie oft erzählt werden, sondern weil sie etwas in uns verankern.
Mein Großvater, Jahrgang 1896, war kaum achtzehn Jahre alt, als er vor dem Ersten Weltkrieg floh. Er wollte nicht kämpfen, wollte nicht Teil einer tödlichen Maschinerie werden, deren Sinn er nicht verstand. Sein Ziel war Amerika – ein anderes Leben, fern von Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit.
Doch auf der Durchreise, bereits nach Kriegsausbruch, wurde sein Versteck in London verraten. Als Angehöriger eines „feindlichen Staates“ verhaftet, verbrachte er die Jahre 1914 bis 1918 – seine Jugendjahre – im Internierungslager Knockaloe auf der Isle of Man. Vier Jahre Gefangenschaft, fern der Heimat – Kälte, Hunger und die Willkür brutaler Aufseher als tägliche Begleiter. Um seine Lebensbedingungen zumindest ein wenig zu verbessern, nahm er an lagerinternen Boxwettkämpfen teil. Es gibt heute noch die offiziellen Fotos des Camps davon. Boxen war für ihn kein Sport im eigentlichen Sinn, sondern eine Form des Überlebens – körperlich, seelisch und um innerlich aufrecht zu bleiben.
Nach Kriegsende wollte er in Großbritannien bleiben oder weiter in die USA reisen. Doch auch das wurde ihm verwehrt. Er wurde nach Österreich repatriiert. Auf der Überfahrt demütigte ihn ein englischer Offizier als „wertlosen Österreicher, den man in Großbritannien nicht brauche". Mein Großvater reagierte nicht mit Worten, nicht nach vier Jahren Repressalien und vergeblicher Hoffnung auf ein besseres Leben. Durchtrainiert wie er war, boxte er den Offizier mit einem gezielten Schlag einfach über Bord. Der Soldat wurde zwar unverletzt aus dem Wasser gezogen – mein Großvater sollte allerdings standesrechtlich erschossen werden. Nur weil das Schiff sich inzwischen holländischen Hoheitsgewässer näherte, wurde davon abgesehen.
Die originalen Seegras-Boxhandschuhe meines Großvaters aus dem Internierungslager sind bis heute im Haus meiner Eltern – fast unversehrt.
Diese Geschichte war für mich nie eine Heldensaga. Sie war – und ist – eine innere Quelle von Kraft. Sie erzählt von Durchhaltevermögen unter widrigsten Bedingungen, von Mut, von Widerstand gegen Unrecht und von der Fähigkeit, sich selbst auch dann nicht aufzugeben, wenn äußere Umstände kaum Spielraum lassen.
Warum unsere Vorfahren unsere Resilienz stärken können
Wenn wir an Resilienz denken, richten wir den Blick meist nach vorne: auf persönliche Ziele, neue Strategien oder gewünschte Veränderungen. Dabei übersehen wir oft eine kraftvolle Ressource, die bereits hinter uns liegt – unsere Vorfahren.
Vielleicht lohnt es sich, an dieser Stelle kurz innezuhalten und den Blick nach innen zu richten:
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Welche Geschichten aus meiner Familie haben mich geprägt – bewusst oder unbewusst?
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Welche Stärke erkenne ich bei meinen Vorfahren – und was davon hilft mir heute?
- Welche Haltung meiner Vorfahren spiegelt sich in meinem Leben wider?
- Welche Herausforderungen bewältigten meine Vorfahren, damit mein Leben heute leichter sein darf?
- Welche Antworten würden mir meine Vorfahren auf meine heutigen Fragen geben?
Denn Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst aus Erfahrungen, aus inneren Haltungen und auch aus der Art, wie Menschen vor uns mit Krisen, Verlusten und existenziellen Herausforderungen umgegangen sind. Viele dieser Erfahrungen sind nicht bewusst überliefert. Sie zeigen sich in Werten, in Glaubenssätzen und in inneren Bildern, die in Familien weitergegeben werden – oder in der Gewissheit, Teil einer Linie von Menschen zu sein, die schwierige Bedingungen erfolgreich überstanden haben.
Psychologische und systemische Ansätze gehen davon aus, dass Menschen in generationenübergreifende Zusammenhänge eingebettet sind. Das betrifft nicht nur Belastungen, sondern auch Ressourcen. Wer sich mit der eigenen Herkunft beschäftigt, entdeckt oft nicht nur schwierige Kapitel, sondern auch eine erstaunliche Fülle an Bewältigungsstrategien.
Die Frage ist nicht, ob unsere Vorfahren Einfluss auf uns haben, sondern ob wir diesen Einfluss bewusst wahrnehmen – und für uns nutzbar machen.
Wege, sich den eigenen Vorfahren zu nähern
Der Zugang zu den eigenen Wurzeln muss weder akademisch noch spirituell überhöht sein. Oft beginnt er ganz unspektakulär – mit ehrlichem Interesse.
Manche Menschen wählen den Weg der Ahnenforschung, durch Stammbaumrecherche, alte Dokumente, Fotos oder Archive. Andere suchen das Gespräch mit älteren Familienmitgliedern und hören zu, ohne zu bewerten. Wieder andere arbeiten biografisch oder systemisch und fragen sich, welche Muster, Werte oder Lebenshaltungen sie übernommen haben.
Auch symbolische Zugänge können hilfreich sein: das bewusste Erinnern, Schreiben, Imaginationen oder kleine Rituale des Dankes. Nicht, um Vergangenes zu verklären, sondern um innere Bilder zu ordnen und Sinnzusammenhänge zu verstehen. Entscheidend ist dabei weniger die Methode als die Haltung: würdigend, neugierig und offen dafür, dass nicht alles eine endgültige Klärung braucht.
Warum der Jahreswechsel dafür besonders geeignet ist
Der Jahreswechsel ist eine Übergangszeit. Altes ist noch spürbar, Neues noch nicht festgelegt. In dieser Zwischenphase sind viele Menschen offener für Rückschau, Sinnfragen und eine ehrliche innere Standortbestimmung. Gerade jetzt kann der Blick auf die eigene Herkunft stabilisierend wirken, weil er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet und das Gefühl stärkt, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein. Viele erleben in dieser Zeit ein Bedürfnis nach Tiefe und innerer Neuordnung – jenseits von Vorsätzen und Optimierungsdruck.
Die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Vorfahren kann diesen Prozess vertiefen. Sie hilft, innere Zusammenhänge klarer zu erkennen, das eigene Leben in einen größeren Kontext einzuordnen und daraus mehr innere Stabilität für die Gegenwart zu gewinnen.
Welche Stärken wir aus unserer Herkunft schöpfen können
In den Lebensgeschichten früherer Generationen zeigen sich oft zeitlose Qualitäten: Durchhaltevermögen, Anpassungsfähigkeit, Mut zu Entscheidungen, Verantwortungsbewusstsein oder die Fähigkeit, unter schwierigen Bedingungen Würde zu bewahren.
Diese Stärken werden nicht automatisch wirksam. Sie entfalten ihre Kraft, wenn wir sie bewusst wahrnehmen, würdigen und in unser eigenes Leben integrieren – nicht als Verpflichtung, sondern als Orientierung und Inspiration.
Warum diese Beschäftigung eine lohnende Zeitinvestition ist
Sich mit den eigenen Vorfahren zu beschäftigen bedeutet nicht, in der Vergangenheit zu verharren, sondern den Blick für das eigene Leben im Hier und Jetzt zu schärfen. Es kann helfen, aktuelle Herausforderungen gelassener einzuordnen, innere Haltungen bewusster zu wählen und Entscheidungen aus einer tieferen inneren Gewissheit heraus zu treffen.
In einer Zeit, die von Unsicherheit und Beschleunigung geprägt ist, kann diese Rückbindung an die eigenen Wurzeln eine subtile, aber nachhaltige Form der Resilienz sein.
Manche Menschen wählen diesen Weg für sich allein, andere schätzen eine begleitende Reflexion. In meiner Arbeit begegnet mir häufig, wie entlastend es sein kann, familiäre Prägungen und Ressourcen in einem geschützten Rahmen zu betrachten und daraus Orientierung für die eigene Gegenwart zu gewinnen.
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Kommentare
Ein sehr schöner Beitrag, der berührt und auch ermutigt, sich bewusst mit der eigenen Familie und deren einzelnen Schicksalen zu beschäftigen.